Stille Tage im Klischee
Huch, schon wieder so viele Parkplätze frei. Is’ schon wieder Ostern? Klar ist schon wieder Ostern, heute nacht hat es schließlich geschneit, die Vorstädte sind geschlossen an den Lago aufgebrochen oder raspeln mit den diamantgeschliffenen Kanten ihrer Carver die zarten Almwiesen meiner Alpen kaputt. Keiner da, außer natürlich alle anderen: Die Münchner Innenstadt brummt, halb Italien, ein Viertel der USA und ein nicht unerheblicher Prozentsatz der russichen Bevölkerung ballen sich um die Pflichtschönheiten dieser Stadt. Die kleinen Asiaten sieht man kaum, sie verschwinden fast völlig in der eingelaufenen Furche zwischen Glockenspiel und Hofbräuhaus.
Uh, Stereotypen, hört man den kosmopoliten Leser hüsteln, aber je nun: Ein Ei zuviel und die Hollandaise der Touristenschar gerinnt zum Rührei der nationalen Verhaltensparadigmata (Ein merkwürdiger Satz, ja. Aber eine meiner Leserinnen steht auf blasierte, latinisierte und übel ungebräuchliche Vokabeln aus der 100$-Klasse und da kann ich natürlich nicht widerstehen. Sinnhaftigkeit, geopfert auf dem Altar der Konkupiszenz. Aua, jetzt reicht’s aber.). Wer aber täglich mit Gästen aus aller Welt von Oper zu Viktualienmarkt hetzt, vom Königsplatz zur Glyptothek rollert und mit einem langen Konvoi im Schlepp das Isarhochufer hinauf und hinunter strampelt, der weiß woher sie stammen, die Klischees.
Allen voran der Amerikaner: Gibt gute Trinkgelder. Saß zum letzten Mal vor 25 Jahren auf einem Fahrrad, hat aber voller Zuversicht die RadltourRadltour gebucht und hat jetzt auf der konzediert kniffligen Kreuzung vor dem Bahnhof große Angst. Der Guide grinst hämisch und droht für weitere Rammstöße drakonische Strafen in Bierkastenhöhe an. Gibt gute Trinkgelder! Später aber, in den ruhigeren Gewässern der Maxvorstadt, entwickelt sich der Zweiradnovize zu einem aufmerksamen, häufig gar enthusiastischen Zuhörer und man kann die amerikanische Freundlichkeit für aufgesetzt halten – das Leben angenehmer macht sie auf jeden Fall und außerdem lobt er immer zu mein gar nicht so tolles Englisch. Gibt gute Trinkgelder. Oft auch eine erstaunlich gute Kenntnis der europäischen Geschichte, spöttisch-arrogante Alteuropäer sollten einmal ihr Wissen der amerikanischen Geschichte kritisch hinterleuchten. Bürgerkrieg? Ja, gab’s wohl mal.
Gibt gute Trinkgelder! (alleinreisende Amerikanerinnen allerdings nicht – warum eigentlich?)
Der Japaner (gleichwertig zu substituieren mit dem Koreaner undThailänder, nicht aber mit dem Chinesen, s.u.): Da schielen wir neidisch auf die ostasiatischen Bildungssystem, die uns in jedem PISA-, IGLU- oder sonstwas Test die vorgeblichen oder tatsächlichen Defizienzen unseres Schulwesens auf die langen Nasen binden und bestimmt hat das alles seine Richtigkeit, auf die Fremdsprachenkompetenz hat das aber alles kaum Einfluss. Im Regelfall redet der Gästeführer hier gegen eine ratlos lächelnde Wand. Geht langsam, fotografiert viel und hält mit seiner Disziplin auch komplexe Gruppen gut zusammen. Gibt ganz anständige Trinkgelder und bereichert den Wortschatz des Guides (Hofbräuhaus auf Thai: Hobbeloi).
Der Chinese: s. a. der Japaner. Allerdings ohne die Disziplin, das Interesse und die Trinkgelder. Geht gerne an Souvenirständen verloren. Allerdings eine – angesichts seines unbestreitbar hohen Anteils an der Weltpopulation ein erstaunlich seltener Gast im Münchner Guidegewerbe, aber es muss ja auch schnell gehen. Aus einem Tourprogramm einer chinesischen Pauschalreisegruppe: Aufstehen 7 Uhr in München, 30 Minuten Stadtrundgang, Gelegenheit zum Souvenirkauf, dann im Bus nach Hohenschwangau, Besuch des Schlosses Neuschwanstein, Gelegenheit zum Souvenirkauf, ab nach Heidelberg und rauf auf’s Schloss, Gelegenheit zum Souvenirkauf, Loreley, Gelegenheit zum Souvenirkauf, Übernachtung in Frankfurt, Tag Ende, bzw. vielleicht noch Gelegenheit zum Souvenirkauf. Anders ist Europa in zwei Wochen auch nicht durchzuhecheln (leider habe ich den Zettel verloren, den mir einmal ein Busfahrer zugespielt hat, aber auch ohne Faksimile des Dokuments ist das absolut glaubhaft).
Der Engländer: Wo ist er geblieben, der britische Humor? It is alive and kickin’! Immer wieder großer Spaß und nach drei Stunden weiß man, warum sich Monty Python eben nicht aus der Kabarettgruppe der Ruhruni Bochum formiert haben. Ein bisschen Ironie, mäßig Sarkasmus und gar nicht so wenig Zynik wuss man aber vertragen können, mit gezielten Seitenhieben auf Elfmeterschießen ganz gut einzubremsen (die Jungs zumindest, die sexy blassen britschen Girls sind da härter und teilen auch subtil, aber saftig aus). Geben auch Trinkgelder und sind damit tourguide’s choice. Mention the war!
Der Schotte: s.a. der Engländer, bzw. vermutlich. Leider kaum verständlich, aber vermutlich genau so witzig. Allerdings, kein Scherz, ganz mickriges bis gar kein Trinkgeld.
Der Russe: Endlich ist sie angekommen, die russische Mittelklasse und sie ähnelt durchaus ihrer Oberklasse oder wie man auch immer die Kaste der Deripaskas, Abramovićs und anderer Diebe des Vermögens des russischen Volksvermögens so nennen möchte. Doch recht fordernd, schon auch laut und Verkehrsregeln sind nur ein unverbindlicher Vorschlag der Behörden. Immer wieder blitzt aber zwischen mitunter ostentativem Weghörens die große Klasse des verblichenen sowjetischen Bildugswesens hervor – der Lapsus mit den verwechslten klassisch-griechischen Baustilen bleibt selten unbemerkt. Gibt gute Trinkgelder.Eine echte Pest sind allerdings die russischen Guide-Kollegen der Pauschalreisegruppen mit ihren umgeschnallten Mikrofon-Lautsprecher-Einheiten; auch durch Auftritte auf großen Bühnen gestählte Rundgangsleiter schmieren da akustisch gnadenlos ab. Die Zeitungsnotiz in ein paar Tagen “Russischer Reiseführer mit Verstärker anal gepfählt”, das werde dann wohl ich gewesen sein.
Die Welt ist groß, der Blog ist kurz, deshalb verschieben wir die Italiener, Australier und natürlich die Deutschen auf den fernen Zeitpunkt, an dem mir mal wieder nichts einfällt. Das heißt, so ungefähr in zwei Wochen.
Ohe Frostern (an dem Buchstabendreher kann ich mich seit Jahren besicken, so einfach kann ein Gemüt sein)
In dunklen Kellern
Liebe Leser,
resp. – nachdem hier ja schon schrecklich lange nichts Neues mehr zu lesen stand: Lieber Leser (bist wenigstens du noch da, Heiko?);
was ist das grade langweilig, grau und unbefriedigend. Und auch noch kalt. Die sauren Gurken aalen sich wohlig in Ihren Gläsern, nur ein paar verschreckte Australier zittern sich in den allfällig kurzen Hosen durch stundenlange Touren in der Januarkälte und da bleibe ich doch besser zu Hause. Heizung an, Kuchen backen und über die Projekte nachdenken, die schon ewig vor sich hin gären. Ist aber auch öd und nichts worüber man seitenlang neue Blogeinträge verfassen kann, aber das wahre Leben kommt ja aus der Steckdose direkt auf meinen Bildschirmpark (habe einen zweiten Monitor bekommen – verleiht
meinem Schreibtisch eine leicht irre Anmutung von Warenterminhandel. Manchmal stelle ich auch noch ein Notebook daneben und spiele dabei mit dem iPad).
Gegeben wird heute eine hitzige Debatte im hauseigenen Autorenforum, d.h. es ist nicht hitzig, sondern eher ziemlich sachlich und Debatte ist es auch keine, aber wenn liberale Splitterparteien ihre Petitessen schon als Grundsatzdiskussion verkaufen, dann ist unser kollegiales Fachgespräch mindestens ein episches Gemetzel. Guckt ja sonst wieder kein Schwein.
Ausgangspunkt ist ein leicht pikierter Leserbrief, in dem schmollend das Fehlen von Tips für gleichgeschlechtlich orientierte Freizeitgestaltung angemahnt wird. Seit ein paar Postings ringe ich mit mir, ob ich den Thread nicht durch das Zitat einer selbst durchlebten Autor-Leser-Kommunikation anreichern soll, traue mich aber nicht: Da schimpft dann bestimmt wieder einer über Verletzung der Privatsphäre (bin da seit dem Desaster mit dem schottischen Fiedelding– spricht nicht mehr mit mir und ihr Freund wollte mir schon blutende Pferdeköpfe ins Bett legen – etwas sensibel geworden). Aber es kribbelt schon kräftig in den copy&paste-gestählten Fingerkuppen, hat mir doch kurz nach Erscheinen meines München-Buchs eine Aktivistin von der Insel (oioioi, Altphilologen aufgemerkt!) meine – wie ich fand – äußerst liebevoll arrangierte Nachtlebenrubrik Gay/Lesbian um die virtuellen Ohren gehauen, hatte ich mir doch als eher feuilletonistischen Gag ein
Zusatzkriterium „Heterotoleranz“ ausgedacht. Die der Leserbriefschreiberin (gerne würde ich ja ihren Klarnamen verwenden, schon weil man damit so lustige Buchstabendreher produzieren konnte, aber s.o.) war offensichtlich nur schwach ausgeprägt und in apodiktischen Worten wurde mir ein schwullesbisches Ko-Lektorat anbefohlen. „Schwullesbisch“, was ein furchtbar ausgrenzender Begriff; der in diesem Bereich ja kompetente Max Goldt empfahl weiland als Gipfel der political correctnessden Terminus „Lesbischwuteros“. Aber hätte ich das mal nur gemacht, mit dem Ko-Lektorat.
Jetzt wird es nämlich deutlich fordernder, in einem als abschließend zu empfindendem Beitrag im Forum gebot ein Grande des Reiseschreibergewerbes , dass bei einschlägigen Titeln – Berlin, München, San Francisco, Sydney, Mykonos, Ibiza (u. a.) – uns Jungschreibern intensivere Untersuchung des Gegenstands. Väterlich empfahl er Klemmis wie mir heldenhaften Mut zur Eigenrecherche. Jetzt schlage ich mir schon seit zwei Wochen die Nächte in den Darkrooms des Ochsengartens, des Bau und des Camp um die Ohren. Dutzende von Schwitzgängen in Europas größter
Herrensauna im Kellergeschoss der „Deutschen Eiche“ haben mich wenigstens wieder in Mittelgewicht zurück finden lassen und die die paar Narben, die mir fliegende Bierkrüge in „Inge’s Karotte“ und die Ledergirls an der Tür von „Carla“ wegen nassforschem Eintrittsbegehr zugefügt haben, kann ich ja beim nächsten Burschenschaftstreffen auf der Wartburg prima als Legende benutzen. Meinen Schreibtisch mit den vielen Monitoren habe ich auf Obstkisten gestellt, da ich die nächsten Wochen einfach nicht mehr so richtig sitzen kann und die Lümmels meiner Hausbank haben sich auch schon für die Erweiterung meines Kreditrahmens zugänglich gezeigt: schließlich kommen jetzt noch die ganzen Etablissements außerhalb des Mittleren Rings, der in Stein gemeißelten Demarkationslinie des Münchner horizontalen Gewerbes 
dazu. Leierkasten, Laufhäuser, Landsberger Straße – das wird teuer.
Und für die nächste Auflage rammle ich mich dann durch die besten Swingerclubs. Ob mir der Börsenverein des Deutschen Buchhandels wohl eine Klinikpackung Viagra sponsort? Aber alles für die Wahrheit!
Jetzt hole ich mir aber erst einmal noch ein Bier. Bier? Nach Ladenschluss? Ja, Bier – King Butt hat einen neuen Laden gefunden! Ist auch noch zwei Straßenecken näher an meiner Tür. Die Lebensqualität ist zurück im Viertel. Prost!
Gummischrot und guter Scheiß: Neues aus London
Leider ist hier wieder einmal gar nichts los, die Glühweinschwaden vernebeln das intellektuelle Leben dieser Stadt völlig, methylalkoholverseuchte Gestalten wandeln dement durch den lichterbunten Budenzauber. Deshalb schnell in eine richtige Metropole mit hohen Häusern, echter Straßenkriminalität und auch bloß zwei 3-Sterne-Restaurants: London. Da wohnt gerade ein junger deutscher Künstler und arbeitet an seinem Früh- und Mittelwerk. Joscha Schell, den Namen wird man sich merken müssen – und: noch ist er billig! – sieht sich heute mit den für diese Kolumne bekannt scharfen Fragen von nahezu augsteinscher Investigativität konfrontiert. Bevor also nun auch noch der Albion im Gewürzduft der Christkindlesmarktplempe wegdeliriert (nettes Apart: was heißt Weihnachtsmarkt auf Englisch? Haben mir gerade ein paar nette Jungs aus Stoke auf einer frostigen Segway-Tour erzählt – german market! Wenigstens sind wir das Epitheton panzer endlich los. Bis zum nächsten Länderspiel…): Fünf Fragen nach London!
1. So als Aufgalopp, das übliche: London, Welthauptstadt des Finanzhandels, Kapitale des Crashs, da wo die Bubble burstet. Oder so ähnlich. Merkt man von den „ Verwerfungen des Weltfinanzwesens“ (G. Schröder, der Gazprom-korrumpierte Sack) im Alltagsleben der Stadt etwas? Anders gefragt: Sind die Mieten gesunken? Noch mal anders: Wo wohnst du und wie viel zahlst du?
Meine derzeitige Unterbringung taugt glücklicherweise nicht dazu, die Londoner Mietpreise zu analysieren (Mieten steigen, aber langsamer). Nach Wochen in Kammern und auf Dachböden befreundeter Deutsch-Londoner bezog ich ein Haus in Primrose Hill. Ja, diese freundliche Gegend über dem Regent’s Park. Hier finden bevorzugt Labour-Abgeordnete ihre Heimat, es besteht ein hervorragendes, nahezu deutsches, Recyclingangebot (und wird hier und da auch angenommen, wie man in den benachbarten Vorgärten beobachten kann). Die Ehefrauen betreiben kleine Boutiquen und das Brot beim Laden an der Ecke ist mehr als genießbar. Etwas weiter den Berg hoch fühlt man sich wie im Ski Resort. Zu verdanken habe ich dies wohl, na ja, den Squattern. Um der berechtigten Sorge zu entgehen, seine ungenutzten Immobilien in kürzester Zeit von Hausbesetzern bewohnt zu sehen, wurde ich eingesetzt. Der Immobilienbesitzer ist von der sozialen Sorte.
Ein anderes Mittel, sich unerwünschtes Pack vom Häusle zu halten, ist handfestes Verschweißen von Türen und Fenstern. Nun aber zurück zum Immobilienmarkt, der dann vielleicht doch was mit meiner, unverschämt günstigen Miete, zu tun hat: Das Haus, welches ich zusammen mit zwei anderen Prinzen bewohne, soll verkauft werden. Und hier kommen wir zum Punkt: ich nehme an es herrscht eine gewisse Verunsicherung. Jetzt verkaufen oder lieber später? Lieber später. So gesehen bin ich vielleicht ein Krisengewinner. Dieses „lieber später“ könnte jedoch genauso gut ausgesprochen werden wenn die Preise wieder richtig anziehen (oder ins Bodenlose fallen?)
2. Hoppla, wie erfreulich. Also die Miete. Und dann eben auch noch London: Wie ist denn so allgemeine Lebensqualität? Frühstück mit Künstlers, nachmittags in der VIP-Box mit Abramovic und abends ein Gin-Tonic mit Agyness Deyn (lechz!)? Oder doch eher take-away vom Chinesen und ein Pint im Inn um die Ecke? Nebenbei: Fliegt man immer noch um 23 Uhr gnadenlos `raus?
Selbstverständlich gehe im Groucho ein und aus und mein Bett wird nicht nur während der Fashion Week von zwei bis drei schicken Schnitten warm gehalten. Von Privat View zu Privat View hoppend mache ich das ein oder andere unglaublich gute Foto. Als vor zwei Wochen die Cab-Fahrer streikten – der unproduktivste Tag meines Lebens. Dennoch: Bier ohne Krone, im Pub um die Ecke, ist gemütlicher als jede VIP-Box. 23 Uhr? Rausschmiss? Ach was, zwischen halb 4 und 10 hat man doch genug Zeit sich einen hinter die Binde zu kippen. Wenn man dann noch gehen kann, ist man froh dies auch zu tun. Du bist was du isst! Also: Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch vom Farmersmarket wird drei mal wöchentlich ins Haus geliefert. Und diese kulinarische Vielfalt, alles Essen der Erde versammelt sich in … ach London ist ein Paradies für den Genießer. Und: es muss nicht immer teuer sein.
3. Die england riots des Sommers sind mittlerweile sogar aus dem deutschen Feuilleton verschwunden. Aber sind sie vorbei? Haben ein paar drakonische Schnellgerichtsurteile für eine allgemeine Frustimplosion gesorgt oder zieht der Hool von nebenan morgen wieder los? Oder haben jetzt alle ihren flat-screen-TV?
In der Tat scheint eine harte polizeiliche und gerichtliche Gangart vorerst ihren Dienst zu tun. Doch genau diese scheint mir auch ein Indiz dafür zu sein, dass die Unruhen immer noch in der Luft liegen. Als ich mich bei den letzten Protesten gegen die enorm hohen Studiengebühren solidarisch zeigte, musste ich erstaunt feststellen, dass die Polizeipräsenz die anwesenden Protestler schätzungsweise überstieg. Die Androhung von Gummigeschossen und im Vorfeld verschickte Briefe an auffällig geworden Personen unterstrichen die Bitte nach friedlichen Protesten. Das waren sie dann auch weitestgehend. Ich bin gespannt mit welchen Nebenkriegsschauplätzen die für Donnerstag angekündigten Streiks daher kommen werden.
4. Alles unfreundliche Materie. Deshalb etwas Ergötzliches: Du bist amtlich anerkannter deutscher Künstler und damit kompetent: Was gibt es Neues in der englischen Kunst und wie dämlich ist diese Frage denn?
Hmpf, das Neue. Aufmerksamkeitshungriges Frischfleisch, darunter auch mich (siehe nächste Frage), gibt es hier wie Sand am Meer. Eine Auswahl junger, akademischer Kunst gibt es derzeit im ICA zu sehen. Die nach ihrem Geldgeber gebrandete Bloomberg New Contemporaries Show, zeigt den guten Scheiß aus den Kunstschulen der UK. Zugegeben, ich war etwas unkonzentriert auf der Eröffnung. Zu beobachten ist jedoch eine Aufgeräumtheit, wie sie nur von der neuen Filiale von White Cube in Bermondsey übertroffen wird. Wo die eine Schau artig zur Musealisierung bereit steht, bietet die andere museal gesicherte Künstler aus den 90ern feil. Zweiteres scheint sich auf finanzieller Seite zu lohnen, die großen weißen Hallen sind gut beheizt. Na ja, irgendwo muss das Geld aus den schlechten Anleihen ja hin.
5. Und was machst du? Kriegen wir ein paar Ausblicke oder gar teaser auf das Oeuvre des bald bestbezahlten Gegenwartskünstlers aus dem deutschen Sprachraum? Gerhard Richter kann das ja nicht ewig machen.
Schon wieder vorbei. Aber da fehlt noch das unvermeidliche Addendum (vielleicht sollte ich das ganze doch in „6 Fragen an…“ umbenennen. Aber dann fällt mir bestimmt eine Siebte ein…): Gibt’s noch fish’n chips in Zeitungspapier? Oder hat sich die Retro-Welle überschlagen und das Zeug gibt es nur noch in Zeitungspapier?
Ich glaube Fisch und Chips in Zeitungspapier gegessen zu haben. Die waren auch ganz lecker. Das Zeitungspapier war nicht bedruckt. Wahrscheinlich Health and Safety Gründe. Druckerschwärze ist lipophil, ist sie nicht?
Ist sie wohl (und meines Wissens auch noch recht keimarm), vor allem ist sie aber bekannt geduldig und mit fast food verträgt sich das wohl nicht so recht. Aber bevor wir jetzt hier noch Hunger bekommen, verweise ich lieber auf den nächsten Blogeintrag, wo wieder haarsträubend skandalöse, zum Wiehern witzige oder einfach nur sensationelle Dinge verhandelt werden. Welche, das wird mir hoffentlich noch einfallen.
Für diesmal: Vielen Dank Joscha!
Wo bist du, King Butt?
Long time no read, lieber Leser. aber daran merkt man, dass man älter wird: Die Regenerationszeit nach Exzessen wird einfach immer länger. Außerdem gilt ja immer noch die von Tocotronic in eine Ewigkeitsformel gegossene Weisheit: “Nach der verlorenen Zeit habe ich erst mal weniger gehasst – es findet sich ja nicht immer etwas, was einem grad nicht passt”. Aber derzeit passt mir eine ganze Menge nicht, ganz besonders nicht die Chuzpe der Immobilienbesitzer dieser Stadt.
King Butt ist tot. Und nix von „es lebe der König“. Aus, vorbei, Ende, Dürre.
Vor allen Dingen Dürre und damit referiere ich nicht auf die mittlerweile 36 Tage ohne Niederschlag in München – die Isar ein lasches Rinnsal, der Privatwasserfall von Maximilian II. ein Amselplanschbecken, Touristen bestaunen die letzten Pfützen in einer ausgetrockneten Stadt. Mir doch egal und die Sorgen der Landwirtschaft sind auch meine nie gewesen.
Alles viel schlimmer: Meine Trinkhalle (von denen es in dieser ansonsten ja notorisch zechfreudigen Stadt sowieso viel zu wenige gibt), hat zugemacht. Hinausgeekelt von einem depperten Immobilienbesitzertrottel, der in der bald rundsanierten Ladenfläche bestimmt einen Blumenladen einnisten wird. Dafür hat er eben King Butt rausgeekelt, den immer freundlichen Inder, der den lachhaften Ladenöffnungszeiten dieses Bundeslands tantrisch hohnlachend auch nach 23 Uhr noch Bier, Chips und Schokolade, halt so die Grundingredenzien der Slackerlebensführung, verkauft hat. Das Hohngelächter all der Kölner, Wuppertaler und Dortmunder überhöre
ich jetzt einfach, die Option dann-geh-ich-halt-zum nächsten-Büdchen gibt es hier nämlich nicht. Eine einzige 24h-Einkaufstelle hält sich dieses Nest, Tankstellen gibt es im engeren Innenstadtbereich auch keine mehr. Alles weg für die 32. Boutique mit swarowskisteinbesetzten Hundehalsbändern (ein kurzer Exkurs: früher hieß minderwertiger Mist noch „minderwertiger Mist“, heute firmiert das unter „mit Swarowski-Steinen besetzte Sonderedition“), den 118. Fachhändler für esoterische Espressomaschinen oder sonst einen Lifestyleschrott. Am Ende wahrscheinlich doch wieder Blumen, Sentimentalitätsgemüse.
Damit das klar ist: Das ist nicht der übliche alt-neulinke Entsetzensaufschrei „Gentrifizierung!“, auch wenn das hier im Viertel gewisse Tradition hat. Wir haben sogar noch eine Geschäftsstelle der DKP – wussten Sie, dass es diese Fossile noch gibt? Wer braucht schon ernsthaft die Kaktus-Bar (Absturzkneipe mit einigen Geldspielautomaten, schließt um vier), ein „Heißes Abone“ (Absturzkneipe mit vielen Geldspielautomaten und völlig rätselhaftem Namen. Was bitte ist Abone? Und warum ist es heiß? Macht um fünf zu.) und das „Schweizerhaus“ (Absturzkneipe voller
Geldspielautomaten. Wenigstens eingängiger Name, der Laden wird von bosnischen Serben betrieben. Macht um fünf auf, damit die Gestalten aus den vorgenannten Kaschemmen noch den allergrößten Durst löschen können.)? wenn Gentrifizierung bedeutet, dass von den Löchern ein paar verschwinden, um Gaststätten Platz zu machen, in denen man auch einmal eine fachgerecht zubereitete Gänsestopfleber auf den Teller bekommt – prima! Aber die Erfahrung zeigt: Nach dem Abbau des Gerüsts, endlosen
Presslufthammerorgien um sieben Uhr morgens (Hallo: Freiberufler schlafen lange!) und ewigen Fahrbahnverengungen ohnehin enger Fahrbahnen macht dann doch wieder ein blöder Florist auf. Wenn’s wenigstens ein brauchbarer Biometzger mit familiärer Bindung nach Spanien – die geile schwarze Eichelsau! – wäre. Aber nein, Blumen.
Und ja: Fahrbahnverengungen: Im Zug eines allgemein zu hoffenden und wohl unvermeidlichen Bankensterbens wünsche ich der Sparda-Bank den baldigen Bilanzkollaps. Seit zwei Jahren ist der Fahrradweg entlang der Arnulfstraße wegen eines Filialneubaus unpassierbar. Notate bene: eine jämmerliche Filiale. Nicht eben ein chromgleißendes Headquarters (übrigens ein Pluralwort, keiner meiner üblichen Tippfehler). Dafür muss ich täglich mit orientierungslosen Busfahrern, überforderten Hausfrauen in ihren rollenden Kleinstädten (aka SUV) und psychotischen Taxifahrern zweispurig kämpfen. Freunde des Bailouts, ihr seid eine Bank und nicht etwa wichtige. Vielleicht ein Trüffelhändler oder ein Rohmilchkäsedealer oder ein Charcutier mit wunderbaren Kalbsinnereien.
Ja, ich habe schlecht Laune. Mein urgermanisches Gemüt vermisst wahrscheinlich einfach nur den Regen. Aber der kommt nächste Woche, wenn der kleine Künstler aus London sich durch meinen Fragenhagel gearbeitet hat.
Für eine bessere Wiesn!
In München haben wir ja Erfahrung mit bizarren Volksentscheiden: Der Kronawitter Schorsch beglückte uns weiland mit der lachhaften 100 m-Bauobergrenze für den gesamten innerstädtischen Bereich (merke: Schulen, Kindergärten, Parkplätze – alles wumpe, Hauptsache nix ist höher als die höchste Kirche im Dorf), der irre Frömmler mit der Mädchenfrisur bescherte uns auf dem selben Weg das Unfrieden stiftende Rauchverbot. Jetzt wird es Zeit für etwas wirklich Wichtiges: Eine Bürgerinitiative für ein besseres Oktoberfest!
Nur mal so als heuristisches Modell: Sie gehen zu Ihrem Oberbürgermeister und machen ihm folgenden Vorschlag: „Wir veranstalten ab jetzt jährlich ein großes Volksfest. Bis zu einer drei Viertel Million Menschen quetschen sich täglich auf eine Fläche von zwei fränkischen Kleinbauernhöfen, es gibt Bier und am Ende des Tages sind ein Drittel der Besucher vollständig besoffen, ein Drittel ziemlich blau und der Rest zumindest halbstrack. Und jetzt das Beste: Das Ganze machen wir mitten in der Stadt!“ Natürlich wird das Stadtoberhaupt sie hochkant aus seinem formidablen Büro schmeißen, schon wegen Sicherheit, Anti-Terror und ähnlichen Petitessen. Aber wehe, so eine Veranstaltung hat gerade einmal 200 Jahre Tradition, dann zählt gerade beschriebener Irrsinn schon zum Traditionsbestand. Es wird also Zeit für ein neues Volksbegehren: Für ein besseres Oktoberfest!
An den plebiszitären Start gehen wir mit diesen Forderungen:
- Die Dirndl-Diskrimante: Natürlich darf man weiter mit lachhaften Pseudotraditionsfetzen auf die Wiesn gehen, ist ja kein Stalinismus. Allerdings müssen Träger wie auch immer angejodelter Oberbekleidung in der Lage sein, alle bayrischen Könige mitsamt den wichtigsten Daten ihrer Regierungszeit fehlerfrei zu rememorieren. Geburt, Firmung,
Krönung, Heirat, Gewicht bei der Beisetzung. Elementares bajuwarisches Grundwissen also. Wer das nicht kann – und entsprechend instruierte Schergen werden das selbstredend stichprobenartig überprüfen – muss noch am gleichen Abend Kotzepfützen von Münchens Straßen schrubben. Oder Bruchglas von den Radwegen lecken. Oder ganz was anders Ekliges.
- Die Bier-Beschleunigung: Das Wiesnbier wird künftig ausschließlich als Light-Bier ausgeschenkt. Dann wird noch mehr gesoffen, der Umsatz steigt und die Anzahl der vollkomatösen Hopfenzombies wird zumindest nicht größer. Als nachteiliger Effekt ist allenfalls die noch stärkere Nitratbelastung des Hangs zur Schwanthalerhöhe zu befürchten, mit geschätzten täglichen 50.000 Litern Zecherurin ist diese ansteigende Grünfläche aber sowieso schon für Generationen verseucht. Vielleicht kommen dann ja auch ein paar Australier weniger, die ja sonst für ein Bier mit vernünftigem Alkoholgehalt den halben Globus umrunden.
- Schengen-Stopp: Für die Dauer der Wiesn wird das gesamte Festgelände für extraterritorial erklärt. Außereuropäisch. Besucher des Oktoberfests können deshalb nur mit gültigem
Visum den Bavariaring überqueren, Erteilung erfolgt ausschließlich nach strenger Alkoholkontrolle und nachgewiesenem kulturellen Interesse (Jahreskarte für die Pinakotheken reicht). Korridore zu den Abstellplätzen für italienische Wohnmobile (mindestens 50 km außerhalb) werden eingerichtet, S-Bahnen zur Bedienung dieser Anfahrtswege werden gekachelt, resp. mit 2mm-Edelstahlblechen ausgekleidet. Etwaige Verunreinigungen werden von Delinquenten nach §1 beseitigt.
- Die Anwohner-Ausnahme: Gilt freilich alles nicht für Bewohner der Schwanthalerhöhe. Wir dürfen uns weiterhin ungehemmt voll laufen lassen, unser Stadtviertel voll reihern und auch noch den lächerlichsten Folklorefummel auftragen. Weiterhin wird das Anrecht für Viertelansässige auf fünf Maß Bier, zwoa hoibe Hendl und eine üppige Portion Ochsenbraten in der bayrischen Verfassung verbrieft. Bezahlen müssen das, claro, die Italiener. Und die Amerikaner. Die Kiwis und Aussis sowieso.
-
Neuer Standl-Standart: Caipirinha-Buden und Scampi-Stände sind natürlich ab sofort verboten Statt dessen muss mindestens jeder dritte Betrieb einen Flohzirkus beheimaten, alternativ geht natürlich auch eine Schiffsschaukel oder meinetwegen auch noch ein Tobbogan. Außerdem verpflichtet sich die Festleitung auf ewige Zeiten zur Aufbaugarantie für den Eurostar (Triple-Looping mit baumelnden Füßen, yeah!), des Fünferloopings und noch irgend etwas richtig Schnellem. Die ganzen Oma-Karussells (Taumler, Rotor, Freefall) kriegen die Schwaben für ihre laue Rummelvariante auf dem Cannstatter Wasen.
- Theresien-Transfer: Die Theresienwiese wird 1:1 an der Neuen Messe (i.e. alter Flughafen) nachgebaut. Raus aus der Stadt mit der Orgie, ist eh viel einfacher dort die vorgängig formulierten reaktionären Vorgaben einzuhalten und zu kontrollieren. Beißt sich zwar mit §4, aber wo gab’s denn schon mal eine perfekte Revolution? Das frei gewordene Gelände mitten in der Stadt wird für einen jährlichen Papstbesuch freigehalten, die Kultur der politischen Rhetorik in Deutschland braucht das dringend. Was auch immer man von seinem komischen Klub hält (bin schon vor 25 Jahren ausgetreten, mein erster Verwaltungsakt nach Erreichen der Volljährigkeit), da kann man noch jemandem beim Denken zu hören. Ganz besonders gilt das für die Lümmel aus der linken Hälfte des Plenums: erst wenn ihr wieder mal einen Exponenten aus euren Reihen, der geschult an klassischen Argumentationsmustern der aristotelischen Syllogistik und des Aquinaten etwas auch nur randständig Ebenbürtiges zum Besten geben kann vorweisen könnt, dürft ihr Reden von oratorischen Großmeistern schwänzen. Und, liebe Claudia Roth, die Dirndl-Diskriminante gilt auch für mopsgesichtige Fake-Blondchen.
Womit ich hoffentlich meinen dieswöchigen Beitrag zur politischen Willensbildung in diesem Land geleistet habe.
Weitere Ideen für den fruchtbaren Fortbestand des größten Volksfests der Welt nehme ich gerne entgegen, zusammen mit Unterzeichnern des vorgefassten Programms erwarte ich eine rege Teilnahme in den bislang ja sträflich ungenutzten Kommentarspalten dieses Blogs. Zur weiteren Programmdiskussion empfange ich am Sonntag ab 18 Uhr im Hofbräuzelt, Box 33: Da knalle ich mich nämlich mit meinen Guide-Kollegen so richtig zu, singe alberne Lieder, verbrüdere mich mit Italienern mit albernen Kopfbedeckungen und finde auch ansonsten die ganze Barbarei, den Gestank, das astronomische Preisniveau und die ungehemmt fließenden Körpersäfte ganz wunderbar.
Abzapft is.
Schnaps vom Dealer: Ferien im Iran
Jetzt sind sie fast alle wieder da von ihren ungeheuer aufregenden, spannenden und selbstredend ungeheuer lehrreichen Urlaubsreisen und man glaubt kaum, was sie da alles Aufregendes erlebt haben: Der Bus für die Exkursion hatte keine Klimaanlage! Und die Engländer haben doch tatsächlich schon am Vorabend Handtücher auf alle Liegestühle gelegt!! Noch irrer: Beim Frühstücksbuffet auf der MS Auroraeuropasonnendampfer war doch zwei Tage lang kein Knusperspeck zu den Spiegeleiern zu kriegen!!! Das wird alles sicherlich noch lange deutsche Gerichtsbarkeit beschäftigen, aber, kaum zu glauben, Verreisen geht auch noch eine Spur individueller und unkonventioneller. Jonas, Filmstudent aus München, war neulich im Iran und ja, das hat gesteigerten Originalitätswert. Nicht bloß, weil da – außer Vetretern deutscher Rüstungsfirmen – kaum jemand ersthändige Erfahrungen gemacht hat und nicht nur, weil man da wegen letztlich kaum zu definierender Delikte auch noch richtig echt verhaftet werden kann stellen sich da doch viele Fragen. Hier ist nur Platz für fünf davon, dazu noch ein zwei bunte Bilder von hier noch nie gesehener Qualität. Man merkt, Jonas kommt vom Fach. Chapeau!
Die Deppenfrage: Wie kommt man nun ausgerechnet auf den Iran? Und: Lassen die einen überhaupt rein, so ganz ohne weltanschauliche Festigkeitsprüfung?
Ein Freund ist dort geboren, aber schon als Kind nach Deutschland ausgewandert und seitdem nie wieder dort gewesen. Er wollte mal wieder hin, ich wollte mit. Das hat mich schon sehr interessiert, eine Gesellschaft unter so einem Regime mal zu erleben, vor allem nach den großen Protesten 2009.
Ein Visum zu bekommen ist nicht schwieriger als anderswo. Es gibt drei Konsulate und eine Botschaft in Deutschland, dort muss man hinfahren, einen Zettel ausfüllen und 60 Euro bezahlen. Schwupsdiwups.
Der Iran taucht in der hiesigen Berichterstattung fast immer mit den Epitheta „Gottesstaat“, „Mullah-Regime“ oder ganz amerikanisch-schlicht als „Reich des Bösen“ auf. Ob das alles nun stimmt oder nicht: Merkt man im Besucheralltag etwas von der theokratischen Staatsidee? Eiferer und Flagellanten allerorten?
Der Iran ist natürlich ein sehr spezielles Land. Man kann dort nicht hinfahren und gleichzeitig die politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse außer Acht lassen. An einen entspannenden Urlaub ist also nicht zu denken, das war eher eine Bildungsreise und, wenn ich ehrlich sein soll, im Groben und Ganzen eine etwas deprimierende. Das Land hat an sich ein ziemliches Potential, alles sieht heil und aufgeräumt aus, der Altersdurchschnitt ist verglichen mit unserem wahnsinnig niedrig, die Leute sind jung, total nett, viele studieren, haben Pläne und wüssten allerhand mit sich anzufangen, aber annähernd alles, was wir hier zulande so gut finden, ist dort verboten. Natürlich gibt es auch Leute, die sich zum Regime bekennen und da irgendwie mitmischen, aber dass die klar in der Unterzahl sind, war für mich offensichtlich.
Und ja, wir waren tatsächlich bei Selbstgeißelungszeremonien dabei, allerdings waren die harmloser als man sich das jetzt vielleicht vorstellt. Die Leute singen ein Gebet in einer Herz zerreißenden Melodie und schlagen sich dabei immerzu mit der flachen Hand auf die Brust. Soweit ich weiß, geht es darum, das Leid nachzuempfinden, das einer der Imame in einer Schlacht ertragen musste, nachdem ihn seine schiitische Gefolgschaft im Stich gelassen hatten. Obwohl das mittlerweile lange her ist, fühlen sie sich bis heute daran schuldig. Um übrigens Selbstgeißelung zu sehen, bei der tatsächlich Blut fließt, reicht es auch, Ostern nach Spanien zu fahren, zur Semaña Santa.
Du warst mit jungen Menschen mit landessprachlicher Kompetenz unterwegs und hast wahrscheinlich vor allem junge Menschen getroffen. Junge Leute haben es gerne lustig, resp. feucht-fröhlich: Gibt es so etwas wie eine Partykultur im Iran? Und gibt’s wirklich so gar keinen Alkohol?
Naja.. den Partydrang wird man den Leuten wohl nie ganz nehmen können. Wir waren auf einigen Feiern, die versteckt in Privatwohnungen stattfanden, aber ausblenden lässt sich das, was vor der Tür stattfindet, dann doch nicht. Der Druck des Systems scheint mir alles zu durchdringen und den Leuten richtig in den Gliedern zu stecken.Ja, Alkohol ist verboten, aber trotzdem weit verbreitet. Man muss richtig zum Dealer gehen, das war sehr aufregend und auch sehr teuer.
Die obligatorische Fressfrage: Wo gab’s die beste Schweinskopfsülze? Ach nein, vielleicht keine so gute Idee. Aber so ganz allgemein, gut gegessen im Iran mit seiner Jahrtausende alten Kulinarkultur? Was sollte man unbedingt mal probieren und wovon lassen selbst hartgesottene Gastroabenteurer besser die Finger?
Es gibt viele Süßigkeiten, mit ganz überraschendem Geschmack! Vieles wird scheinbar aus Pistazien gemacht. Ich muss aber zugeben, meistens Pizza gegessen zu haben, ich mag Süßes nicht so gerne und bin auch Vegetarier. Bei Pizza kann man gut sehen, was eigentlich drin, oder besser drauf ist.
Der Blick auf die Souvenir-Standl meiner Heimatstadt zeigt: Das Reisemitbringsel hat Konjunktur. Was hast du mitgebracht? Das Chomeini-Mausoleum in der Schneekugel wäre ja originell, aber war vielleicht nicht erhältlich…
Ich habe mir einen schönen blauen Parka gekauft, den ich gestern erst anhatte, dann so grob gestickte Waschlappen, mit denen man richtig die oberste Hautschicht abrubbeln kann, eine silberne Tabakkdose und viele Streichholzschachteln, deren Packungen mir gefielen.
Schade, schon vorbei. Aber außer Konkurrenz noch eine ganz kurze fachliche Frage: Ein Bekannter mit einschlägig technischem Hintergrund würde gerne noch wissen: Im Iran PAL oder NTSC?
Das iranische Fernsehen, sowohl das staatliche, als auch das illegal aus dem Ausland empfangene Exil Fernsehen ist wirklich einen Blick wert. Die Farsi Version von American Idol kollidiert beim Durchzappen mit militärisch religiöser Propaganda. Ich habe eben nachgeguckt, es wird in SECAM gesendet.
Vielen Dank und gutes Reisen weiterhin, Jonas!
Lejos, grande y muy amable gente
Gut, wenn man es sich aussuchen kann: Vor dem übervoll gefüllten Regal mit Reiseliteratur stehend pickt man sich da Beste heraus (nicht nur kommerziell motivierter Tipp: immer die mit dem Regenbogeneinband nehmen!), setzt sich eine Weile vor den Computer, bucht Flüge und Hotels, plant Routen, beantragt Visa und tankt die Karre voll, irgend wer kümmert sich um die Katze und dann fährt man weg. Andere sind da mit weniger Optionen gesegnet, Reisebuchautoren müssen zur Neuauflagenrecherche eben in die vor Zeiten einmal aus Leidenschaft, kommerziellen Erwägungen oder irren Launen gewählten Zielgebiete ihrer titelgebenden Regionen, ein paar wenige Engagierte beugen sich den Wünschen ihres linken Ortsverbands betreuen eine Monat das vegane Frauenprojekt in Nicaragua und wieder andere werden durch die Wahl ihrer Lebensgefährten aus Dauer eindeutig festgelegt. Heirate eine Argentinierin und wohin fährst du im Urlaub? Nach Argentinien. So hält das mein alter Theater-, Studien- und ganz allgemeiner Freund Arthur (Name aus Gründen innerfamilärer Diskretion geändert). Der ist jetzt im südamerikanischen Winter immer gut umsorgt von Tanten, Onkels, Schwester-des-Großonkels-seiner-Schwiegermutter-nicht-genauer-zu-benennden sehr fürsorglichen Menschen, die ihn einen ganzen Monat von Asado zu Asaodo schleppen und ihn mit einer prächtigen Plauze zurück kehren lassen. Der Mann also, den es zu fragen gilt: Wie ist es denn so in Argentinien?
Fünf Fragen an Arthur Dent, jetzt sind auch die Bilder da (die hat er einem südamerikanischen Eichhörnchen auf den Rücken gebunden – das ging schneller als mit lahmen Netzverbindungen in der Pampa):
1. Die Deppenfrage „Warum denn nun grade Argentinien?“ ist schon geklärt, deshalb nicht minder unspezifisch und halbgar: Wie ist es denn so in Argentinien und wie ist er denn so, der Argentinier?
Schön. Richtig schön. – Wenn man die Natur mag, bevor Slatibartfas seinen Gestaltungswillen einbringen konnte [Leser des „Anhalters“ wissen Bescheid]. Es ist Natur, gleich nach der Trennung von Wasser und den festen Bestandteilen, und vor der Besamung. So gleich nach dem Erkaltung der flüssigen Gesteine. Es ist die Ästhetik kalbendender Gletschern (in Ushuaia),
die mich anspricht, es donnern Tonnen von Eis mit großen Getöse ins Wasser, so wie die Argentinische Wirtschaft als sie ihren festgeschriebenen Wechselkurs von 1:1 zum Dollar aufgeben musste und die Putzfrau sich keinen Urlaub in Miami mehr leisten konnte. Da das Land ungefähr die Ausdehnung über die Klimazonen von Uusikaupunki bis Palermo hat, bietet es natürlich gelegentlich auch Vulkanausbrüche – in diesem Frühjahr in den Anden lag das Skigebiet Bariloche unter einer 10 cm dicken Aschedecke oder eben auch einen der größten Wasserfälle der Welt im Dschungel (Iguazu, in Missiones), einer der größten gemessen an den Wassermassen und an der Höhe, die da herabstürzen. Wenn hier was den Bach runter geht, dann ordentlich. Das kennen wir ja auch vom Fußball der Argentinier. Das Land ist verschwenderisch, die Pampa heißt nicht nur so wie das Sprichwort von ihr sagt, sie ist auch so groß, platt und windig. Und das alles noch ein bisschen mehr. Da kann man getrost 1000 km mit dem Auto fahren und es sieht immer noch so aus, wie im Dorf nebenan, aus dem man losgefahren ist. Der Wind der Pampa bläst jeden Tag einmal Holland in Form von fruchtbarer Erde als Staub in den Atlantik. „Egal, wir haben es ja,“ sagt der Argentinier, er drückt das in seiner Muttersprache so aus: „dame dos“ ; ungefähr übersetzt heißt das: Wir nehmen von allem immer das doppelte. So selbstbewusst und generös auftretend war der Argentinier lange im Ausland beliebt, sowohl bei deutschen und amerikanischen Geschäftsleuten als auch bei Weltmeisterschaften in der Toleranz von gegnerischen Toren. Und er emittierte auch großmäulig gletschergrosse Staatsanleihen zu sagenhaften garantierten Zinsen von 9% im Dollarwechsel 1:1 – bis er dann mal seine Schulden dann gar nicht mehr bezahlt. Was seiner Beliebtheit bei den nach attraktiven Anlagen in Schwellenländern suchenden verarmenden deutschen Zahnärzten und Apothekern deutlich herabsetzte.
Und der Argentinier? Ein Mobiltelefon mit einer Standleitung als Flatrate hat er für Nummer seiner Mutter, ein zweites Sonderangebot mit Flatrate für die Geschwister und eines für die Freundin. Er ist immer bereit, für eine Plausch und nimmt dafür in Kauf zu seiner nächsten Verabredung ein wenig zu spät zu kommen. Längere Verspätungen von mehr als einer Dreiviertelstunde oder Stunde sind auch hier unüblich. Hilfsbereit ist er und auch sie, und darauf kann man sich fest verlassen, ja er drängt darauf, einen beim Einkaufen zu begleiten oder aus der Stadt abzuholen, zu einer Sehenswürdigkeit zu fahren und vieles mehr. Und die Hilfsbereitschaft ist sehr essenziell sollte das Auto des Touristen wegen einer Reifenpanne liegen bleiben – Nota: nie ! ohne Ersatzreifen unterwegs sein, und wenn dieser im Einsatz ist, sofort ! den nächsten Gummi-Händler (Gomeria) aufsuchen. Alles andere wäre wirklich dumm, weil die Straßen leicht den Reifen aufreißen . Und der Argentinier hilft gern und zuverlässig, weil das Auto von Touristen ohne Allrad-Antrieb bei regenasser
unasphaltierter Straße einfach in den Graben rutscht oder 100m nächsten Abhang hinunter stürzt; der nächste Gaucho, den es wirklich auf seinem Pferd gibt, hilft gern oder auch der nächste Autofahrer (es kann allerdings schon eine Zeit dauern, bis wieder jemand vorbei kommt.) Der Gaucho zu Fuß oder zu Pferd, schiebt gelassen und kräftig das Auto aus dem Dreck zurück auf seinen Weg und verabschiedet sich mit den Worten, dass man sich in 4-5 km bestimmt wieder sehe, wenn das Auto abermals von der Straße abgekommen ist. Man solle sich keine Sorgen machen, er kommt hinter einem stetig ruhig hinterher.
2. Die Fressfrage. Was isst man denn so bei „den Gauchos“ (in memoriam eternam Heribert Fassbender)? Wirklich nur tote Kuh?
Was isst man? Nur Steaks? Nein, das ist natürlich ein Vorurteil, es gibt auch noch Schnitzel. Und Pizza und Paella mit Meerschweinchen, – für den Wochentag. Nur Steaks am Wochenende? Das ist natürlich ein Vorurteil, so einseitig isst der Argentinier nicht, asado ist nicht einfach ein Steak, es gibt asado ! Ein Grillfest! Ein Asado con achuras sieht so aus: es gibt mit Fleisch oder Hühnchen gefüllte Teigtaschen als Vorspeise, die Empanadas; dann kommen die typischen Würstchen, (Chorizos), zwei oder drei Sorten, dann die Costillas (Rippenstückchen) gefolgt von Rumpfsteaks (300g für Frauen), jetzt anschliessend das große, schwere Stück (500g) von der Kuh, marucha genannt, ein paar kleinere Teile, el vacio, molleja und chincholin, als Abwechslung und Gaumenkitzler ein wenig mal vom Lamm, etwas Schweinefleisch und zum Abschluss noch eine kleine Ziege, weil die Kinder gern etwas naschen als Nachtisch. Wer möchte kann auch einen Zwischengang mit Llama ordern. Für Vegetarier gibt es Hähnchen. Beilagen in rot und grün kann man anschauen, muss man aber nicht essen, dafür ist die Beilage nicht da. Rot – das sind die Tomaten (eine) und grün, das ist der Salat (ein paar Blätter).
3. Derzeit reden, quaken und delirieren ganz viele, achwas, alle über Schuldenkrise und Umschuldung und Staatsbankrott. Die Argentinier nicht, die haben das schon hinter sich. 2001 gab es eine veritablen Staatspleite mit Schuldenschnitt und Pauken und Trompeten. Merkt man davon noch etwas? Von Argentinien lernen, heißt siegen lernen, liebe Griechen?
Argentinien hat die Krise überlebt. Es war ein Einschnitt, wie bei der Währungsreform, von einem Tag zum nächsten waren die Guthaben auf der Bank wertlos, für die Rente konnte man nicht mehr ein Packen Zucker kaufen und das Gehalt reichte nicht für eine Tankfüllung. Das war hart, und Armut bedeutete nicht, wirklich ein Mangel an Essen – und wenn uns so eine Krise mit dem Euro droht, werden wir das wohl nicht so zivilisiert erledigen. Dafür fehlt uns das soziale Netz der Verwandten, die einen durchfüttern. Die Krise in Argentinien, das ist jetzt vorbei. Es wird viel gebaut, Krankenhäuser, Straßen, Schulen, Flughäfen (alle werden derzeit nach Nestor Kirchner benannt, der BASTA sagte, wir zahlen die Schulden nicht zurück, wer hat uns das Geld denn geliehen? Das war doch nicht aus Freundlichkeit. – Jetzt, die Arbeitslosigkeit ist drastisch gesunken, die Zulassung von PKW hat sich im letzten Jahr verdoppelt. Was zu neuen Problemen führt, die Tankstellen können nicht ausreichend mit Benzin versorgt werden. Manchmal haben sie einfach keines mehr für heute oder morgen. Wer längere Strecken fährt, sollte ab der Hälfte des Tanks spätestens wieder auffüllen – wenn es geht! Sonst hat man das Risiko auf der Strecke unfreiwillig länger an einer Servicestation sich aufzuhalten und zu zelten statt einen Pit-Stop einzulegen.
4. Die Argentinier mögen Fußball (auch wenn sie’s nicht können; Maradona und Messi und Kempes und di Stefano und höchstens zehntausend andere einmal ausgeklammert), Rindfleisch, Tango und Evita Peron. So weit, so abgegriffen – gibt es noch ganz andere, ungeahnte nationale Leidenschaften?
Die Dichte der Psychoanalytiker und Psychotherapeuten ist weltweit die zweithöchste, gleich nach der Frequenz von Freudianer und Seelenkundigen in Manhattan und das durchgehend im ganzen Land. Es hat nahezu jeder hier seinen Shrink. Das ist so normal wie das asado am Wochenende, und es wird auch so gesehen, dass der Psychologe zur allgemeinen Grundvorsorge gehört – wie ein Fernsehanschluss und ein Mobiltelefon. In der hiesigen Psychologie werden alle Verästelung der Psychoanalyse und ihrer jeweiligen Schulen, besonders der französischen Provenienz mit allen intellektuellen Feinheiten und Unterschiede gepflegt. Die intellektuelle Freude an der Analyse zieht viele Jahre wöchentliche Therapeutenstunden während Studium und Arbeitszeit nach sich, die Psychologen haben wiederum ihre Psychologen – meist in der Nachbarstadt. Der Gewinn ist vor allem ein kultureller, da nach Freud die Sublimierung von familiären Spannungen, Schuldgefühle und Konflikten mit der Mutter in gesellschaftlich wertvolle Arbeit ausfließt, deshalb sind der These konform viele Argentinier sehr fleißige Intellektuelle. In unserer Familie gilt, mindestens ein Buch sollte man geschrieben haben; die Onkels bringen es alle schon auf ein kleines Regal von veröffentlichten Schriften, die jüngeren Cousins studieren mindestens vom 17. bis zum 30. Lebensjahr, aber dann trägt das Vertiefen in eine Sache schon Früchte in Form einer Komposition einer kleinen zweistünden Oper mitsamt einer 200 seitigen theoretischen Reflexion über die musikalische Umsetzung der Darstellung des Schattens von barocken Darstellungen der Pieta im zeitgenössischen Kontext. Und Mutter ist zufrieden, der Junge hat endlich auch ein Buch geschrieben, selbst geschriebene 100 Seiten eigener Reflexion sind Grundanforderung. Eine Collage aus Zitaten gilt nicht, was die anderen Familienmitglieder durch nachlesen überprüfen und der Junge hat auch selbst was künstlerisches geleistet.
Alles macht der Argentinier leidenschaftlich: Fußballspielen, Singen, schreiben, lesen, komponieren, Herzspezialisten ausbilden, forschen, diskutieren und Mate mit Freunden trinken – alles machen sie, aber Kaufleute sind sie nicht. BWL –das ist ein Studium für Leute, die zu dumm sind was Richtiges zu lernen. Betriebswirtschaftlich sich organisieren und einen Gewinn erwirtschaften? Man kann sich das Geld doch auch leihen, oder einen Kredit aufnehmen oder man hat einmal Glück und dann läuft das schon. Oder eben Pech, dann klappt es eben nicht. Man muss das noch mit seinem Analytiker besprechen.
Die andere unbekannte Leidenschaft: Truco! Ein Kartenspiel, dass dass von seinen Regeln und von seinen strategischen Finessen her überschaubar ist, aber das wegen seiner taktischen Möglichkeiten zu bluffen, zu tricksen und durch Wortspiele beim Verlauf den Gegner zu verunsichern eine beliebte Sache ist. Man spielt es am besten in einer 4er oder 6er Formation, wobei man durch verziehen von Mundwinkeln, Naserümpfen, auf die Lippenbeißen und einigem mehr, seinem Partner die Vielzahl möglicher Trümpfe auf der Hand unbemerkt anzeigen möchte. Die Gegner versuchen ihrerseits sich mimische Zeichen zu geben und die Zeichen der Kontrahenten zu entschlüsseln. Wer nach einer Flasche Rotwein noch unfallfrei Gesichtsakrobatik und Gespräch hinbekommt, gehört dazu. Es ist der Oachkatzelschwoaf der Argentinier.
5. Älteren, nicht mehr ganz jungen, genau: weltpoltisch Interessierten Menschen, also Leuten wie du und mir ist Argentinien immer noch als kriegführende Nation im Gedächtnis. Ist der Falklandkrieg mit dem Vereinigten Königreich vor fast 30 Jahren Teil des kollektiven Gedächtnisses geworden? Ist das ein Serbien-Kosovo-Aquivalent: Keiner war jemals da, aber das Gejammer ist groß? Oder hängt das Thema katzentot über dem Zaun?
Der Falkland–Krieg ist nicht so wichtig. Die Diktatur, die ihn angezettelt hatte schon, sie brauchten ihn zu ihrer Legitimation, was hier auch keine Diskussion mehr ist. Las Malvinas son Argentina steht noch auf den Wänden als Grafiti, mehr aber nicht. Die Diktatur wird aufgearbeitet. Es war das Verdienst von Nestor Kirchner, die Generalamnestie stückweise zurück genommen zu haben, die für die während der Diktatur verübten Verbrechen, Folter und Mord, galt. Berichte im Fernsehen, die die Gerüchte über die Militärzeit belegen, werden und wurden gezeigt und haben die Menschen hier sehr berührt. Es kommt zur Anklage von Verbrechern , Offizieren und höheren Militärs. Argentinien arbeitet seine Vergangenheit auf, ohne dass die Gesellschaft mit ihren Tätern und Opfern daran zerbricht. Das ist eine große Leistung. – Grundsätzlich gehören für den Argentinier übrigens immer noch die Malvinas zum Staat Argentinien, aber heute würde er darum keinen Krieg mehr führen. Ein Kamm um den sich zwei Glatzköpfe streiten, stellte Borges damals schon fest.
Schon wieder vorbei, schade. Aber für den touristisch-lebensplanerischen Ratschlag (dieses Blog braucht mehr Usability!) muss jetzt noch unbedingt der zwingende Ratschlag her:
Warum sollte man unbedingt einmal nach Argentinien fahren? Und warum sollte man da unbedingt gar nicht hinfahren?
Um in Missiones Fleischspieß zu essen! Das asado dort ist noch einmal eine eigene Steigerung.
Und um sein Auto im Wallfahrtsort Difunta Correa (offizieller magischer Ort der Gauchos , aber die katholische Kirche ist dort auch ein bisschen präsent) bei einem Schamanen-Gottesdienst segnen zu lassen.
Um einmal im Leben durch die Atacama-Wüste gefahren zu sein. Nein, Wüste gibt es hier wirklich mehr als genug, – auch wenn die Atacama eine der größten der Erde ist, da muss man nicht hin. Es sei denn man muss da durch, weil man von Salta aus nach Chile fährt, auf der Route der High End Rotweine, deren Wingert manchmal sehr abgelegen in furchtbaren Tälern mit künstlicher Bewässerung liegen. Also muss man einmal durch die Atacama und anschließend ist man einfach froh, dass nichts passiert ist, aber nochmal? Muss man das haben? Nein. Wer sich einen Helikopter leisten kann, ist mit dem Heli-Hopping zu den Haziendas der Millionäre aus aller Welt besser bedient, die hier ihrem Hobby des Weinbaus frönen und Gäste gern ihr Privatmuseum mit zeitgenössischer Kunst von Turrell zeigen.
Und warum nicht? Weil es viel Wüste dort gibt! Menschenleer, ein paar Llamas und viele Kakteen.
Vielen Dank Arthur Dent und noch einen schönen Urlaub!
München absurd
Unser Rhapsode des Webmarketings ist zurück aus dem Urlaub, ganz thomasmannesk ist er von Lübeck an die fernen Küsten der Ostsee gebuddenbrookst und dort hatte er im Badewagen die eine oder andere Idee. „München absurd“ soll die Verlagsseiten füllen und damit stürzt er mich natürlich mitten ins Grunddilemma einer durch und durch absurden Stadt. Lebt doch der Münchner in einer ständigen Aporie und das nicht erst, seitdem der blonde Fürst der Finsternis das in eine Ewigkeitsformel gegossen hat.
Der Trachten-Antinomie
„Laptop und Lederhose“ – dieses furchtbare Diktum werden wir wohl niemals los. Blödsinn war das natürlich schon immer, schließlich werden auch im
obersten Ober- und im niedersten Niederbayern und noch nicht einmal im untersten Unterfranken schon seit mindestens eineinhalb Dekaden keine Laptops mehr verkauft. Diese zentnerschweren Dinger mit dem Rechnerrucksack hinter dem monochromen Display, die ein sadistischer PR-Schuft in einer besonders grausamen Laune einmal als tragbar definierte. Möglicherweise war das derselbe Dampfplauderer, der den Münchnern so um die Jahrtausendwende die Krachlederne als besonders traditionelles Kleidungsstück erfolgreich aufgeschwatzt hat. Wo doch mittlerweile auch der australischste aller Stadtführer begriffen haben dürfte, dass Schnitt wie Material besagten Kleidungsstücks in Bayern so ungefähr den Indigenitätsstatus von Pitahyas (diese hübsch bunten und völlig geschmacksfreien Stachelbeersurrogate, die an den Standln in der Münchner Fußgängerzone in Plantagenmengen feilgeboten werden)genießen. Dem Schnitt nach waren das schon immer nach aristokratisch-französischem Vorbild geschneiderte
Culotten und als solche ein Import der Wittelsbacher Könige, um ihrem zum Königreich gereiftem Duodezfürstentum so etwas wie eine Uniform zu verpassen. Halt eben aus teurem Leder, ein Material, das dem Budget des bayrischen Durchnittsbauern sicher weit entrückt war. Eine Demontage des Dirndls zu anderer Zeit, der bloße Gedanke daran zieht mir eine tiefes Dekolleté in die Laune.
Das Currywurst –Komplott
Der typische Münchner Snack? Vergessen Sie die Leberkässemmel, diese fantastische Abfallentsorgung im Rundstück mit Molekülen, die das Lebensalter ihres Essers spielend um ein Mehrfaches übertreffen können. Weg mit der Weißwurst, fachgerecht aus den Knochenhäuten kindlicher Rinder zusammengepresst und schon gar keine Rede von der hormongestählten Hendlpracht. Kommt eh aus Österreich. Nein, der Imbiss auf die Kralle ist natürlich die Currywurst.
Im Nightlifedreieck Fraunhofer-Klenze-Straße ersäufen gleich drei Kulinarverbrecher eingedarmtes Brät in gewürzangereicherter Tunke. Na gut, wenigstens der BergWolf macht das mittlerweile mit Tradition und der in der gesamten Galaxie gerühmten Sauce Dönni nach dem Rezept der Bochumer Wurstschmiede Dönninghaus, an Wochenden dankenswerter Weise bis um vier Uhr morgens. Zu so fortgeschrittener Zeit merkt man da wenigstens auch nichts mehr von der mitunter doch stark prolongierten Wechselfrequenz des Frittenfetts. Aber nicht nur im Glockenbach brennt die Wurst, bzw. der indische Gewürzfuror darauf, auch in der Maxvorstadt wird mitgebrutzelt. Die Pommes-Boutique in der Amalienstraße reklamiert aber zurecht einige unique selling prephacies: Ökowürste von Herrmannsdorfer Säuen, zweifach frittierte belgische Kartoffelroststäbchen und 20 verschiedene Gewürztunken, von denen tatsächlich auch ein paar eigene Geschmacksqualitäten aufweisen. Schließlich rührt auch noch ein ewig junger Wilder mit im Tomatenbrei: Holger Stromberg hat sich zwar von der Münchner Sternekarte streichen lassen, kocht aber nach wie vor nicht nur für unsere Chefchenund Mitläufer der Fußballnationalmannschaft, sondern betreibt, jawollja, auch noch zwei Currywurstbuden. Eine für die sensorisch anscheinend hoffnungslos unempfindliche Infineon-Belegschaft in den grauen Ausläufern der Balanstraße und jetzt auch noch eine Dependance in den renovierten Katakomben des Stachus-Untergeschosses. Fad sind die Därmlinge an beiden Abfütterungsstellen.
München, warum immer so Berlin?
Das Gärtnerplatz-Dilemma
Da ziehen Menschen mitten in die Stadt um die Ruhe des Landlebens zu genießen. Erstaunt stellen sie dann bald fest, dass das nicht recht klappt und dann, nein, ziehen sie nicht etwa auf einen Einsiedlerhof im Alpenvorland, sondern sie rufen die Polizei. Zuverlässig jedes Wochenende am Gärtnerplatz, einer der wenigen wirklichen gemütlichen Innenstadtplätze, die München so zu bieten hat. Auf den Stufen des Theaters, auf den Grünflächen um das bunte Sentimentalitätsgemüse, das in Umsetzung des sogenannten „Piazzetta-Konzepts“ – eine Schnapsidee des Rosa-Listen-Bezirksausschussvorsitzenden Miklosy, der eindrucksvoll vorführt, dass auch Homosexuelle prima Spießer abgeben – die Kapazität der Freifläche schwupps halbiert hat. Die Freunde in Grün kommen natürlich auch zuverlässig, schließlich ist der Gärtnerplatzanlieger nicht nur ruhebedürftig, sondern auch vermögend; die Quadratmeterpreise erreichen fast schon das Niveau…ach, das machen wir im nächsten Absatz.
Das Park-Paradox
Neubauprojekte innerhalb des Mittleren Rings heißen nicht mehr „Haus“ oder „Block“ oder ähnlich prosaisch, sondern eben „Lenbachgärten“ oder „Augustenhöfe“ oder „Arnulfpark“. Natürlich mit Wellnessbereich und Concierge-Service, der allgemeinen Verslummung der Landeshauptstadt entgegenwirkend. Vermietet wird da natürlich gar nichts mehr, der Zielkunde soll kaufen und das ab ca. 12.000 €/m². Schade halt, dass es so viele gstopfte (bayr. ugs. „reich“) Münchner dann doch nicht gibt und deshalb protzen die Spitzenwohnlagen mehrheitlich unbewohnt vor sich hin. Immerhin, Deutschlands
teuerste Eigentumswohnung im „Seven-Tower“ (Autochtonen noch als MVG-Hochhaus an der Müllerstraße in Erinnerung) ist für 22 Millionen schon an einen unbekannten Nabob weggegangen. Und auf der Schwanthalerhöhe wird jedes frei werdende Ladenlokal von einem Architekturbüro in Beschlag genommen, was für die Zukunft dieses immer noch eher kleinbürgerlichen, ja vielleicht sogar Arbeiterviertels auch nichts Gutes verheißt.
Und schließlich: der Grantler-Reflexbogen
Man sieht, es ist kaum auszuhalten in München. Deshalb wollen ja alle her und auch freiberuflich tätige Reisebuchautoren, die –eine funktionierende Internetverbindung vorausgesetzt – auch in Hackpfüffel (das gibt’s! In Sachsen-Anhalt unterhalb des Kyffhäusers) für eine Spottmiete wohnen und arbeiten könnten, tun sich das Tag für Tag an. denn beim Gedanken an Ortswechsel ergeht es ihnen meist so wie dem lakonischen Trinkerkommissar Tabor Süden mit seiner – von mir – so gerne zitierten Zerissenheitsformel: „Dann dachte ich über eine andere Stadt nach. Aber es fiel mir keine ein.“
München freut sich auf ihren Besuch. Oder ziehen Sie doch gleich her, wir freuen uns auf sie. Werden Sie aber nicht merken.
Science Fiction
Man wird ja als irgendwie so Schreibender immer wieder um Schriftgut gebeten und mit der notwendigen Eitelkeit macht man das ja auch gerne. Der deutschen Sprache nur rudimentär mächtige Germanistikstudentinnen fragen nach Referatstexten (was die dann in ihre ehrenwörtliche Erklärung zur eigenhändigen Anfertigung schreiben ist mir wumpe), deutsche Stadtrundgangsanbieter ohne deutsche Mitarbeiter wollen PR-Geschwafel und dann ist da noch der kleine, feine literarische Internetsalon, der mich immer wieder gerne mal abdruckt. Genau Letztere wollten jetzt eine Rezension eines meiner eigenen Werke und da in meiner Veröffentlichungsliste (kurz, aber es gibt eine) nur Reisebücher stehen, musste ich zu einer Gattung greifen, die mich ansonsten doch eher arg langweilt: SF. Und was für eine finstere Zukunft. Ich habe nämlich gerade den Literaturnobelpreis bekommen. Es wird furchtbar werden.
Gute Nachricht: wir schreiben das Jahr 2022 und die Menschheit existiert noch und nicht einmal Europa ist unter der gewaltigen Papiermenge von inflatorisch gedruckten Drachmen-Banknoten verschwunden, die eine verzweifelte Regierung nach dem Ausscheiden des Landes aus dem europäischen Währungsverband 2013 hat drucken lassen.
Schlechte Nachricht: Die BILD-Zeitung gibt es immer noch und nachdem die Gigantofantastilliarden-Geldscheingebirge vor dem Hellespont nun schon lange nicht mehr schlagzeilenträchtig sind und nicht jeden Tag ein Pädophiler aus dem Kindergartengebüsch zur Sterilisation ausgeschrieben werden kann, hat sich im Frühwinter ein investigatives Team von Europas immer noch Größter aufgemacht, um die dunklen Geheimnisse frisch umkränzter Laureaten auszugraben. Frisch aus der Zukunft: Der BILD-Aufmacher vom 10. Dezember 2022.
Nobel-Schock! Stockholm ehrt Autor mit finsterer Vergangenheit!
Wenn heute Abend Königin Victoria mit leuchtenden nordischen Pausbäckchen die diesjährigen Nobelpreise in einer feierlichen Zeremonie übergibt, weiß die mollige Schönheit dann, wen sie dort auszeichnet? Unter Preisträgern befindet sich auch der deutschstämmige Wignald Amin (wir berichteten: Deutscher wird Bücher-Kaiser!). Was kaum einer weiß: der im undeutschen Ausland lebende Wignald hat ein dunkles Geheimnis. Bevor er mit seinen kaum lesbaren Romanen ( u.a. der Generationenroman „Miststück. Eine Vorführung“) und seinen unspielbaren Theaterstücken (z.B. „Vorführung. Ein Miststück“) bei einer radikalen Minderheit von linken Literaturkritikern zu zweifelhaftem Ruhm kam, schrieb er am unteren Ende des Buchgewerbes! Unter seinem bürgerlichen Namen – der sich so revolutionär gebärdende Wignald stammt aus einer uralten deutschen Zuckerdynastie – Achim Wigand erschienen ab 2006 einige Reiseführer. BILD hat sie vom Staub der unverkäuflichen Remittenden befreit und einmal darin geblättert – und einen Sensationsfund gemacht!
Preis-Wut! Er machte München nieder!
Einige schockierende Zitate aus seinem 2008 erschienenen Buch „München“, in Wahrheit eine Hetzschrift über die schönste deutsche Stadt: „…politreaktionäre Bierdimpflstadt…“ reiht sich hier an „…eine der überschätztesten Veranstaltungen der Welt…“ (über das tolle Glockenspiel!) und „…trostlose Grünanlagen neben verkehrsinfarktgefährdeten Straßen…“. Woher nur all dieser Hass auf die gemütliche Metropole, die ihm doch immerhin über ein Jahrzehnt eine Heimat bot? Aber ein paar Seiten weiter wird klar, woher der Wind weht: ein ganzer Rundgang befasst sich mit dem angeblich ach so „Braunen München“ – ein altlinker Reflex, den Deutschen ewige Schuld einzureden. Nur gut, dass die letzte deutsche Kanzlerin aus dem bürgerlichen Lager schon vor 10 Jahren dieser Netzbeschmutzung ein Ende gemacht hat und in der Folge dieses üble Machwerk vom Markt genommen werden musste. Auch die „Tipps“ für die Abendgestaltung sprechen eine deutliche Sprache: Seitenlang wird hier ein zwielichtiges Kaschemmen-Gomorrha unter der Rubrik „Gay & Lesbian“ beschrieben. Gemütliche Gasthäuser, in denen Touristen mit den Einheimischen deutsches Liedgut anstimmen können, sucht man beinahe vergeblich.
Skandal-Autor beleidigt Ausland!
Noch schlimmer wird das alles, nimmt man sich sein schon 2006 auf den Markt gedrücktes Machwerk „Montenegro“ vor. Hier wird beleidigt und geflucht und unverhohlen zu Gesetzesbrüchen aufgerufen, dass dem Auswärtigen Amt ganz angst und bang geworden sein muss. Gesetzliche Vorgaben werden zu „…lästigen Formalien…“ herunter geschrieben, die es „…zu vernachlässigen gilt…“, Reisende aus anderen Ländern unverhohlen zu „…trägem Grillfleisch an den Stränden…“ herab gewürdigt und sogar der montenegrinischen Regierung, dem Sturmgeschütz gegen Korruption und Unrecht auf dem Balkan wird nur ungenügend getarnt Bestechlichkeit und Bereicherung vorgeworfen! Weiß das kleine Land an der Adria, welche Natter sie da am Busen nährt? Wignald Amin lebt nämlich nach den umfangreichen Recherchen von BILD seit einigen Jahren konspirativ zurück gezogen auf einem kleinen Boot in einem Hafen des Balkanstaats.
Stoppt den Irrsinn in Schweden!
Mit den Resultaten unserer investigativen Untersuchung konfrontiert, wollte sich ein Sprecher der Nobelstiftung nicht äußern, auch das königliche Hofmarschallamt hüllte sich in königliches Schweigen. Unter der Hand konnten wir aber erfahren, dass die schwedische Königin eine Alkoholvergiftung vortäuschen könnte, um der peinlichen Begegnung mit einem radikalen Gesinnungsschreiber aus dem Weg zu gehen. Milliarden von BILD-Lesern aber fordern: Stoppt die Nobel-Schande und hoffen darauf, dass heute Abend in der Gluthitze von Doha (siehe Sport: Lothars Freundin Sonnenbrand im Dekolleté! Plastik geschmolzen?) unsere Jungs im WM-Halbfinale der Welt ein würdigeres Deutschland zeigen werden.
Mit’m Radl
Vielleicht wird es ja eine lose Serie: Auch andere Menschen sind unterwegs und manche aus ziemlich interessanten Gründen in ziemlich interessanten Gegenden. Anfangen wollte ich eigentlich mit dem kleinen veganen Videokünstler, der gerade zur Wildschweinjagd in den Iran eigeladen wurde, aber der ist noch nicht zurück. Deshalb zum Start heute mit Marcin, der von Berlin nach Gibraltar gefahren ist. Im Winter. Und auf dem Rad.
Manche bleiben einfach nicht gerne zu Hause – und das nicht nur aus so kruden Gründen wie Erholung, „Fun“ (die Kotzvokabel der Gegenwart), Wellness (korrigiere, das ist noch dämlicher), Incentive (nein, das!), Infotainment Travel (oder das?), Leisure (das isses!), Business (geschäftlich, haben wir früher gesagt…), Events (auch ein guter Tipp) oder um einfach nur gute Reisebücher zu schreiben. Manche reisen auch bloß zur Horizonterweiterung oder – huch, wie altruistisch aus der Zeit gefallen – für den guten Zweck. Zum Beispiel mein Tour-Guide-Kollege Marcin Wright, der schwang sich letzten Winter auf sein gar nicht einmal so tourentaugliches Tourenrad und kurbelte immer stramm gegen den Wind durch Norddeutschland, Flandern, ganz Frankreich und auch noch durch einen erheblichen Teil Spaniens. Mit so heimeligen Zwischenstopps wie Sachsenhausen, Ravensbrück, Bergen-Belsen, Amersfoort und vielen anderen ekligen Orten, in denen die deutsche Geschichte ihre Wutanfälle ausgelebt hat. Und das ohne seine Oboen, Klarinetten und Saxofone, die sein eigentliches Handwerkszeug sind: Marcin, geboren in Wales und aufgewachsen in London, ist nämlich konservatoriumsgestählter Jazzmusiker.
Hier seine Antworten auf meine fünf (na ja, genau genommen sind es ein paar mehr) Fragen in näherungsweiser Übersetzung. Wer – wohl aus guten Gründen – meinen zweifelhaften Übersetzungskünsten nicht traut, der kann Marcins O-Ton weiter unten lesen. Auf jeden Fall empfehle, ach was, gebiete ich einen intensiven Blick in sein Blog zur epischen Fahrradtour: www.marcinonabike.com (bald auch mit Film zur Tour)
und ja, die Spendenbuttons funktionieren noch!
Fünf Fragen für 4.100 km, beginnen wir mit der doofsten aller denkbaren.
1. Marcin, warum macht man das?
Ganz ehrlich, das Projekt entstand unter dem erheblichen Einfluss von Augustiner Edelstoff [eine in München sehr beliebte Biersorte]. Aber ich glaube, viel mehr Menschen sollten im nüchternen Zustand das tun, was sie besoffen eigentlich tun wollten. Die Welt wäre interessanter…
2. Es gibt einen – reichlich unübersetzbaren – deutschen Begriff: Gutmenschentum und der konnotiert fieser Weise gar nicht einmal so nett. Wie viel Gutmenschentum oder didaktischer Eifer oder vielleicht sogar Mitleid steht hinter deiner Tour?
Die Idee für diese Reise hatte mehrere Inspirationsquellen: Zuerst einmal hat mir meine Tätigkeit als Rundgangsleiter in der KZ-Gedenkstätte Dachau eine sehr intensive Perspektive auf die dunkelsten Kapitel der jüngsten Geschichte vermittelt; zum zweiten habe ich mir einfach die Welt, in der ich seit 35 Jahren lebe, genau angesehen. Drittens – und am wichtigsten – ist mir die Relevanz geschichtlicher Ereignisse für die Welt von heute. Ich empfinde es oft als äußerst frustrierend, dass ich Besuchern meiner Touren in Dachau nicht eingängig machen kann, dass Praktiken von Völkermord, Folter, Konzentrationslager und die Existenz gesetzlicher Regelungen, die Menschen ihrer elementaren Rechte berauben, nicht 1945 aufgehört haben. Es gibt sie immer noch in vielfältigen Formen. Das aufzuzeigen, die Erheblichkeit des Historischen für die Gegenwart im Jahr 2011 zu erläutern, das ist meine Motivation. Geschichte lässt sich nicht ändern, aber ich bin mir sicher, dass wir noch viel daraus lernen müssen.
3. Du warst ja jetzt nicht unbedingt zur meteorologischen Hochsaison unterwegs. War‘s kalt? Wie oft wolltest du aufgeben?
Ungücklicher Weise ist die Hauptsaison für Reiseführer nun einmal der Sommer und deshalb musste ich das im Winter machen. Manchmal hat es so geregnet, dass ich bis auf die Haut nass war, der Wind blies mir mit 50 Kilometern in der Stunde über Wochen anscheinend immer entgegen und dann war da noch der Schnee und das Eis und der Nebel– alles das hat mich psychisch und physisch an meine Grenzen geführt. Oft auch darüber hinaus.
4. Du kennst die dunkelsten Seite im deutschen Buch der deutschen Geschichte – magst du die Deutschen noch? Wenn du sie jemals gemocht hast…
Ich habe Deutschland nie nach seiner Geschichte von 1933-45 beurteilt. Ich beurteile Deutschland danach, wie es mit seiner Geschichte danach und bis zum heutigen Tag umgegangen ist. Das wunderbare deutsche Wort „Vergangenheitsbewältigung“ gibt es noch nicht einmal auf Englisch. Wenn mein Beurteilungskriterium für die Deutschen ihre dunkelste Epoche sein sollte, dann müsste ich erwarten, dass die Deutschen mich für die Grausamkeiten der Geschichte meines Landes beurteilen: Sklaverei, Verwüstungen weltweit durch das British Empire und so weiter.
Deutschland hat mich überrascht! Ich lebe seit Jahren hier und ich überlege ernsthaft, mir ein Paar Lederhosen zuzulegen! Wo ich doch schon im Anzug lachhaft aussehe…
5. Und jetzt raus mit den Anekdoten – deine spektakulärsten Pannen, Unfälle, zwischenmenschlichen Begegnungen, der schlimmste Kilometer und vor allem: Wo gab’s das beste Essen?
Pannen: Jenseits der allfälligen psychischen und physischen ein paar gerissene Brems- und Schaltungszüge, außerdem habe ich es geschafft, die Hinterachse zu ruinieren und damit das ganze Hinterrad zu zerstören!
Ich habe alte Freunde wieder getroffen und eine ganzes Rudel neuer Freunde gefunden – dank couchsurfing und Facebook-Freunden von Freunden.
Den schlimmsten Kilometer hatte ich am Tag 30 zwischen Amersfoort und s’Hertogenbosch; alles, was im Abend noch in mein Blog tippen konnte war:
„Die Hölle. Extremer Wind, extremer Regen, extrem kalt. Hat weh getan.“
Das beste Essen? Eine Pizza in Berlin (in Berlin!), das Fishcurry von Esther in Holland und die Fleischpaella von Cristinas Mutter in Caravaca de la Cruz in Spanien [letztere sind Privatadressen, also leider touristisch nicht ohne weiteres abzuschöpfende Quellen].
So als Fazit: Hat sich’s gelohnt und machst du so was noch einmal?
Öhm…tja..,.also…wahrscheinlich…
Bloß vielleicht nicht ganz so weit und wohl auch nicht im Winter! Und ich brauche nächstes Mal ein besseres Fahrrad.
Vielen Dank, Marcin!
Five questions for 4.100 km, let’s start with the most stupid of all thinkable questions:
- Why did you do that to yourself?
To be completely honest, the idea came to me whilst under the influence of Augustiner Edelstoff… But I believe more people should do sober what they thought of doing when they were drunk. Then the world would be a much more interesting place
2. There is a – pretty much untranslatable – German notion: Gutmensch (lit. maybe ‘bleeding heart liberal’). It describes a person (or a group of people) with very strong social and moral values, deliberately inclined to the political left. Unfortunately the Germans use it in a slightly derogative way. How much was being a Gutmensch, in how far was didactical effort or even commiseration for the persecuted, tortured and killed a motivation for your tour?
The idea for the trip came from many places. Firstly my work as a memorial qualified guide at the Dachau Gedenkstätte has given me a deep insight into some of the darkest parts of recent human history; secondly watching the world around me for the last 35 years of my life; and thirdly and most importantly for me, the relevance of past history to the world we live in today. I find it deeply frustrating that I cannot say to the many tourists I take on these tours that Genocide, Torture, Concentration Camps and the many laws that can strip away a person’s fundamental human rights didn’t stop in 1945. They exist today, and they exist in many forms… I am motivated by the relevance of this history to the year 2011. Mankind doesn’t have the ability to change the past, but I feel it could certainly do a lot more to learn from it…
3. You haven’t been around Europe during the warmest season of the year. Has it been cold? How often did you want to give up?
Unfortunately due to the tourist season being in the summer months I was forced to make this trip in winter! There were times, when the rain beat down so hard I was soaked to the skin, when 50kmh winds always seemed to be coming against me for week after week, and when the snow, ice and fog pushed me both mentally and physically to the limit. I broke through many barriers along the way…
4. By profession and passion you know very well about the darkest hours in German history. Did that affect the way you see the Germans? Do you still like them? If you ever liked them…
I personally never judge Germany now for its history between 1933 and 1945. I judge Germany now by how it has dealt with and is currently dealing with its history since 1945. The wonderful German word vergangenheitsbewältigung doesn’t exist in the English language. If I judge Germany now by its darkest times I would expect Germans to judge me for my own countries atrocities (slavery, destruction worldwide caused by the British Empire etc…) Germany has surprised me! I have been here for nearly 3 years and (considering I look ridiculous in a suit) I am even considering buying Lederhosen at some point J
5. And now the fun stuff: Your most spectacular breakdowns (mechanically…), acquaintances, the worst kilometer (or mile, if you prefer it imperial) and most important: Where did they serve the best food?
Breakdowns – mentally, physically, snapped brake and gear cables, 3 punctures and I managed to break the real axle and destroy the whole wheel!
Acquaintances – I met some wonderful old friends and made a whole bunch of new ones! (thanks to couchsurfing and facebook friends of friends)
Worst Kilometer – Between Amersfoort and s’Hertogenbosch in Holland – Day 30 – and all I wrote in my blog that day was
“Hell.
Extreme wind, extreme rain, extreme cold, and it hurt a lot.”
The best food?! – A Pizza in Berlin (!), Esther’s fish curry in Holland and Cristina’s mother’s Paella con Carne in Caravaca de la Cruz in Spain!
Oops, already done. But a short one has yet to be asked as an extra:
x. Would you do it again?
err… err… probably…
Just not as long, and not through winter! And I might need a stronger bike next time.
Thank you, Marcin!
Don’t forget to visit Marcin’s blog on that epic journey:
www.marcinonabike.com!
© Alle Fotos / all pictures: Marcin Wright












































